Wismar - Wilfried Boldt

 

 

Wilfried Boldt

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Wismar, 19. Februar 2011

 

- Presseerklärung von Wilfried Boldt -

 

Am heutigen Tage habe ich dem Stadtpräsidenten schriftlich mitgeteilt, dass ich mein Bürgerschaftsmandat am 4. September 2011 niederlegen werde.

Diese Entscheidung fiel mir sehr schwer und ich fühle mich total zerrissen, auch weil so viele Menschen mir Ihre Stimme gegeben haben. Dennoch gibt es für mich keinen anderen Weg, ich bitte vor allem meine Wähler um Verständnis. Allen, die mich in den vergangenen Jahren motiviert und unterstützt haben, danke ich sehr; Wismar wird mir weiterhin am Herzen liegen!

Sicher werden sich einige fragen: Warum gibt der Boldt das jetzt schon bekannt? Der Hauptgrund ist ganz simpel: Ich fühle mich dadurch erleichtert…

Die verbleibenden Monate möchte ich nutzen, um noch einige Themen in der Bürgerschaft abzuarbeiten. Außerdem bietet die Frist, bis zu meinem endgültigen Ausscheiden, genug Zeit um ernsthaft eine Neuwahl der Bürgerschaft in Erwägung zu ziehen. Obwohl dies, nach meiner Meinung und den Gegebenheiten, kaum eine große Veränderung bringen wird. Im Grunde ist die Gesamtheit unserer Stadtvertretung besser als ihr Ruf. In den letzten Monaten haben sich in der Bürgerschaft demokratischere Strukturen entwickelt und eine andere Zusammenarbeit ist möglich geworden. Die ersten Früchte dieser Entwicklung sind schon sichtbar.  Die Abgeordneten bitte ich von Herzen, den Disput auf die tatsächlichen Probleme der Menschen in Wismar zu konzentrieren und mir zu verzeihen, wenn ich im Umgang mit Kollegen gegen ungeschriebene Gesetze verstoßen habe und dies vielleicht erneut tun muss. 

Mein Austritt erfolgt in erster Linie aus gesundheitlichen Gründen. Jedoch möchte ich diese Gelegenheit nutzen, um auch noch ein paar andere Dinge ins Feld zu führen. Es gibt die abenteuerlichsten, absurdesten und miesesten Geschichten über mich: Da werden mir Verbrechen angedichtet, Halbwahrheiten aus meiner Kindheit und Jugend benutzt, ich werde mit Radikalen in Verbindung gebracht, es wird mit anonymen Schmähbriefen gearbeitet, es wird behauptet jemand schreibt meine Anträge usw. Es reicht einigen Mitbürgern offenbar nicht, ganz einfach nur zu sagen: Wilfried Boldt ist verrückt, verbohrt, wunderlich oder vom anderen Stern. Sicher habe ich viele Ecken und Kanten und meine Biografie lädt Böswillige dazu ein mich zu diskreditieren. Doch was seit einiger Zeit über mich in Umlauf gebracht wird, ist so niederträchtig, dass ich es hier nicht wiederholen kann. Nun ist das Maß voll, obwohl ich in meinem Leben mehr ertragen musste, als Besserwisser es mir zugestehen wollen oder können. Allen, die sich bewusst oder unbewusst an der Vergiftung des Klimas beteiligt haben, kann ich nur sagen: Ich bin nicht im Geringsten das, was Sie aus mir machen wollen …  Schon als Kind war ich mittendrin und trotzdem abgrundtief einsam und ich habe oft erlebt wie die „feine“ Gesellschaft wegschaut und zur Tagesordnung über geht. Mir geht es sicher wie vielen von Ihnen: das Herz ist schwerer als wir es zeigen können und dürfen. Pardon, ich weiß – auch ein Minipolitiker ist geraten sein Seelenleben nicht preiszugeben. Mir kommt es so vor, dass die Lüge gesellschaftsfähiger ist als die Wahrheit. Dem zur Folge wäre das Aussprechen der Wahrheit Asperger- verdächtig und die Lüge die gesunde Form des Umgangs.

Hier und heute bekenne ich offen, dass ich es leid bin ständig in der Zeitung zu lesen - was ich für ein Armleuchter bin. Ja, in gewisser Hinsicht bin ich tatsächlich ein Armleuchter, denn mein Konto ist schon lange leer. Ich bin möglicherweise nicht besser als der Durchschnitt, aber ich bin anders und das habe ich mir nicht unbedingt ausgesucht. Der Umgang mit mir und anderen Bürgerschaftsmitgliedern ist sicher auch ein Grund dafür, dass viele Menschen nicht bereit sind sich in der Bürgerschaft zu engagieren. Manche haben Angst vor privaten und beruflichen Nachteilen. Sie fürchten den Stress und wollen sich nicht öffentlicher Hinrichtung aussetzen.

Die Welt wird nicht von Menschen mit Dollarzeichen in den Augen zusammengehalten. Das Rückgrat unserer Welt ist auch das Heer der Ehrenamtlichen in allen Gebieten des Lebens.

Es ist doch nicht normal, dass man sich für 30,- Euro im Monat niedermachen lassen muss. Schon für einen städtischen Auftrag bekäme ich in kurzer Zeit mehr, nur bekomme ich seit Jahren von der Stadt keine Aufträge. Bitte verstehen Sie mich richtig. Es geht hier nicht um Geld, es geht um den Wert von Arbeit, um den Stellenwert von Menschen.

Mich quält so einiges in unserer Gesellschaft und so gerne ich in der Bürgerschaft auch die Dinge im Kleinen mitgestalte, so sehr muss ich auch sagen: Wir müssen einiges grundsätzlich verändern und dafür muss es auch erlaubt sein Druck nach oben aufzubauen.

Da bekommen viele Bürger einen Hungerlohn und gehen zum Dank auch noch in die Altersarmut und bis zum letzten Atemzug sollen sie sich wohl vor denen verneigen, die sich ungerechter Weise mit Macht und Vermögen eingedeckt haben. Um Missverständnissen vorzubeugen, damit meine ich auf keinen Fall fleißige und verantwortungsvolle Unternehmer.

Kollegen im Rathaus haben mir oft gesagt: dieses oder jenes wäre Bundes- oder Landesangelegenheit, dafür sind wir nicht zuständig – da können wir nichts machen. Das sehe ich anders, wir sind betroffen und wenn hunderte Städte und Gemeinden sich einsetzen, dann muss die jeweilige Regierung handeln. Es kommt mir oft so vor, dass wir eine große Wunde mit kleinem Pflaster bekleben, damit wird jedoch keine wirkliche Heilung erzielt.

Für eine komplette Liste der zu verändernden gesellschaftlichen Grundlagen ist hier nicht der richtige Ort und ich bin sicher auch nicht die richtige Person dafür. Jedoch wäre sie auf jeden Fall kürzer als die Liste der Resultate einer falschen Sozial- und Wertestruktur.

Hier kommen zum Abschluss auszugsweise noch ein paar Gedanken von mir und werte Kritiker: Ihr Gezeter ist überflüssig! Der Boldt verschwindet schon bald in ein sehr bescheidenes Leben.

Ich denke : Wir brauchen einen Mindestlohn;  ich denke, mit Kranken sollte man keine Dividende erzielen; ich denke, die Natur (Schöpfung) muss einen höheren Stellenwert bekommen, darum Schluss mit dem Atomwahn!  Ich denke, Wachstum um jeden Preis ist falsch, dagegen ist Wachstum in Sachen Bildung immer richtig. Ich denke die Medien haben eine große Verantwortung und sie werden ihr zu oft nicht gerecht. Ich denke, so bewundernswert viele bauliche Dinge in unserer Stadt auch sind, wenn wir zum Beispiel (wie kürzlich verkündet) kein Zuständigkeitsgefühl und keinen Euro für die Telefonseelsorge haben, dann machen wir in meinen Augen grundsätzlich etwas falsch.

Wir tun einiges damit Menschen sich erfreuen - nur die Seele der Menschen an sich ist uns wohl nicht so wichtig!?

 

Wilfried Boldt

 


Ich bin roter als die Roten,
grüner als die Grünen,
liberaler als die Liberalen,
sozialer als die Sozialdemokraten,
und christlicher als die CDU!